Wenn hoher Hirndruck das Augenlicht bedroht

Pressemitteilung /

Im Klinikum Saarbrücken wurde einer 30-jährigen Patientin mithilfe einer hochspezialisierten Therapie geholfen.

Jahrelang gehörten starke Kopfschmerzen für Katrin Beyer zum Alltag. Dass hinter den Beschwerden eine Erkrankung stecken könnte, die unbehandelt zu bleibenden Schäden am Sehnerv führen kann, ahnte sie lange nicht. Erst als die Schmerzen nach einer Radtour plötzlich unerträglich wurden und Sehstörungen hinzukamen, begann die strukturierte Suche nach der Ursache. Dank der hochspezialisierten Behandlung durch das interdisziplinäre Team des Neurovaskulären Zentrums im Klinikum Saarbrücken konnte die zugrunde liegende Gefäßverengung gezielt behandelt werden.

Für Katrin Beyer begann alles mit Beschwerden, unter denen viele Menschen leiden: immer wiederkehrende Kopfschmerzen. Jahrelang schenkte die heute 30-Jährige ihnen wenig Beachtung. „Man spricht das beim Arzt an, achtet auf seine Gesundheit und nimmt hin und wieder eine Schmerztablette. Dass etwas Ernstes dahinterstecken könnte, daran denkt man in meinem Alter nicht“, sagt sie rückblickend.

Mitte August verschlimmerten sich die Beschwerden während einer Radtour plötzlich dramatisch. „Es fühlte sich an, als hätte jemand mit einem Hammer auf meinen Kopf geschlagen“, berichtet Katrin Beyer. Als zusätzlich Sehstörungen auftraten, die nicht mehr verschwanden, suchte sie ihren Hausarzt auf. Dieser schickte sie ins Klinikum Saarbrücken.

In der Notaufnahme wurden verschiedene Ursachen für ihre Beschwerden abgeklärt. Eine Lumbalpunktion, also die Entnahme von Nervenwasser aus dem Wirbelkanal im unteren Rücken, kam ihr zu dem Zeitpunkt übertrieben vor. Rückblickend sieht sie das anders: „Als junger Mensch rechnet man nicht damit, dass wirklich etwas so Ernstes dahinterstecken könnte“, sagt sie heute reflektiert.

Doch der Hausarzt blieb hartnäckig und schickte sie erneut auf den Winterberg, als die Beschwerden nicht nachließen. Dort brachten weitere Untersuchungen, darunter eine Computertomographie mit Kontrastmittel, eine Lumbalpunktion und eine Venendruckmessung, schließlich die Ursache ans Licht: Verengungen in zwei sogenannten Sinusvenen. Diese großen venösen Blutleiter transportieren das Blut aus dem Gehirn zurück zum Herzen. Durch die Engstellen war der Blutabfluss behindert, wodurch sich der Druck im Schädelinneren erhöht hatte. Die Ärzte diagnostizierten eine sogenannte intrakranielle Hypertension, einen erhöhten Hirndruck – eine Erkrankung, die unbehandelt zu dauerhaften Schäden des Sehnervs und damit des Sehvermögens führen kann. Bei Katrin Beyer war das Sehvermögen bereits gefährdet.

Maßgeschneiderte Therapie durch enge Zusammenarbeit

Der Fall wurde im Neurovaskulären Zentrum (NVZ) des Klinikums Saarbrücken interdisziplinär behandelt. Die Betreuung der jungen Patientin übernahm Oberärztin Dr. Anouck Becker-Dorison aus dem Team der von Prof. Dr. Andreas Binder geleiteten Klinik für Neurologie. Gemeinsam mit dem Institut für Radiologie unter der Leitung von Prof. Dr. Elmar Spüntrup bewertete sie die Untersuchungsergebnisse und die weitere Behandlung wurde gemeinsam geplant.

Für die Therapieplanung konnte das Klinikum Saarbrücken zudem auf die Expertise von PD Dr. Christian-Paul Stracke zurückgreifen. Er leitet die Sektion Interventionelle Neuroradiologie am Universitätsklinikum Münster, wo es eine spezialisierte Sprechstunde für Patientinnen und Patienten mit intrakranieller Hypertension und venösen Sinusstenosen gibt. Die Befunde wurden gemeinsam besprochen und ein speziell auf die Patientin abgestimmtes Therapiekonzept erarbeitet.

Da die Gefäßverengungen als Ursache der Beschwerden identifiziert werden konnten und bereits deutliche Sehstörungen bestanden und eine weitere Verschlechterung des Sehvermögens drohte, entschied sich das Team für die Implantation eines Stents, um die verengte Hirnvene zu erweitern.

Hochpräziser Eingriff auf einer neurovaskulären Angiographie-Anlage

Die Behandlung erfolgte auf einer hochmodernen 2-Ebenen-Angiographie-Anlage des Klinikums Saarbrücken. Diese ermöglicht eine gleichzeitige Darstellung der Hirngefäße aus zwei Blickwinkeln und unterstützt somit die sichere und präzise Durchführung komplexer Eingriffe.

Zunächst prüfte das Team mithilfe eines feinen Katheters die Druckverhältnisse in den venösen Blutleitern des Gehirns. Dabei bestätigte sich, dass die Verengungen in den sogenannten Sinusvenen ursächlich für den stark erhöhten Druck im Schädelinneren waren.

Selbst für den erfahrenen Spezialisten aus Münster waren die Messergebnisse bemerkenswert. „Solch ausgeprägte Druckunterschiede sehen wir auch in unserem Zentrum nur sehr selten“, erklärt PD Dr. Christian-Paul Stracke, Leiter der Sektion Interventionelle Neuroradiologie am Universitätsklinikum Münster.

Anschließend wurde über einen Katheter, der von der Leiste bis zu den betroffenen Hirnvenen vorgeschoben wurde, ein spezieller Stent implantiert. Dieser hält das Gefäß dauerhaft offen und verbessert den venösen Blutabfluss aus dem Gehirn. Dadurch kann der krankhaft erhöhte Hirndruck sinken und die Belastung des Sehnervs verringert werden.

„Bisher mussten wir bei solchen Eingriffen häufig auf Stents aus anderen Gefäßgebieten, beispielsweise der Halsschlagader, zurückgreifen“, erläutert Prof. Spüntrup nach dem Eingriff. „Seit wenigen Wochen steht nun auch ein ausreichend großer Stent zur Verfügung, der speziell für den Einsatz in den Hirngefäßen zugelassen ist. Einen solchen Stent konnten wir bei Frau Beyer präzise an der Engstelle platzieren und die Verengung erfolgreich behandeln.“

„Für die Patientin bedeutet das die Chance auf eine nachhaltige Linderung ihrer Beschwerden und vor allem einen wichtigen Beitrag zum Erhalt ihres Sehvermögens – was für die Lebensqualität und die Zukunft einer jungen Frau natürlich von großer Bedeutung ist“, ergänzt Oberärztin Dr. Anouck Becker-Dorison.

Der Eingriff zählt zu den hochspezialisierten interventionell-neuroradiologischen Verfahren und wird nur in ausgewählten neurovaskulären Zentren durchgeführt. Er erfordert eine sorgfältige Diagnostik, eine genaue Analyse der Druckverhältnisse in den Hirnvenen sowie das enge Zusammenspiel verschiedener Fachdisziplinen. Der Fall von Katrin Beyer zeigt beispielhaft, wie die moderne neurovaskuläre Medizin durch interdisziplinäre Zusammenarbeit Patientinnen und Patienten neue Behandlungsperspektiven eröffnen kann.

Hintergrund: Neurovaskuläres Zentrum des Klinikums Saarbrücken

Im Neurovaskulären Zentrum (NVZ) des Klinikums Saarbrücken arbeiten die Kliniken für Neurologie, Neurochirurgie, Gefäßmedizin und das Institut für Radiologie eng zusammen, um Patientinnen und Patienten mit Erkrankungen der Hirngefäße interdisziplinär zu versorgen. Komplexe Fälle werden gemeinsam bewertet und individuelle Behandlungskonzepte fachübergreifend abgestimmt.

Das Leistungsspektrum des Zentrums umfasst unter anderem die Diagnostik und Behandlung von Schlaganfällen, Gefäßverschlüssen und -verengungen der hirnversorgenden Gefäße, Hirnaneurysmen sowie weiterer arterieller und venöser Gefäßerkrankungen des Gehirns. Ziel ist es, Patientinnen und Patienten eine moderne, wohnortnahe und hochspezialisierte neurovaskuläre Versorgung anzubieten.

Zurück
Patientin Katrin Beyer (rechts) gemeinsam mit Oberärztin Dr. Anouck Becker-Dorison.
Patientin Katrin Beyer im Gespräch mit Oberärztin Dr. Anouck Becker-Dorison nach ein Tag nach der OP.