Wasser zieht Kinder magisch an – im Schwimmbad, am See, im Garten oder sogar zuhause. Gerade deshalb wird oft unterschätzt, wie schnell aus einem unbeschwerten Moment eine lebensbedrohliche Situation werden kann. „Ertrinken passiert lautlos“, warnt Dr. Detemple, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin auf dem Winterberg. Anders als man es vielleicht aus Filmen kennt, geht ein Ertrinkungsunfall meist nicht mit lautem Rufen oder sichtbarem Strampeln einher. Kinder, die in Not geraten, kämpfen in diesen Momenten vor allem darum, Luft zu bekommen. Und das geschieht leider oft von anderen unbemerkt. Der Sauerstoffmangel führt schon nach kurzer Zeit zur Bewusstlosigkeit. Dann kann Wasser in die Lunge gelangen („nasses Ertrinken“) oder die Stimmritze verkrampft sich, wodurch die Atmung blockiert und Panik ausgelöst wird („trockenes Ertrinken“).
Dass diese Gefahr real ist, zeigen auch die Zahlen: Laut Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) betrifft Ertrinken Kinder und Jugendliche in besonderem Maß: Rund 300.000 Menschen sterben laut WHO jedes Jahr daran, Kinder unter fünf Jahren machen dabei nahezu ein Viertel aller Ertrinkungstodesfälle aus.
Schon drei Minuten Sauerstoffmangel kann das Gehirn dauerhaft schädigen
Besonders tückisch ist, wie wenig Zeit im Ernstfall bleibt. „Bei Ertrinkungs- oder Beinaheertrinken zählt jede Sekunde“, sagt Dr. Detemple. Aus kinderärztlicher Sicht ist das keine Übertreibung: Bereits nach drei bis fünf Minuten Sauerstoffmangel kann das Gehirn bleibende Schäden davontragen. Gleichzeitig trifft der Rettungsdienst in Deutschland im Durchschnitt nach etwa neun Minuten ein. Gerade deshalb kommt es auf sofortiges Handeln an – auf aufmerksame Erwachsene vor Ort, die unmittelbar mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen.
Konsequente Aufsicht ist der wichtigste Schutz
Der wichtigste Schutz beginnt lange vor einem Notfall mit etwas, das selbstverständlich klingt und im Alltag doch schnell verloren geht: konsequente Aufsicht. „Handy weg. Augen aufs Kind“, sagt Dr. Detemple. Kinder sollten am Wasser niemals unbeaufsichtigt sein – nicht am See, nicht am Beckenrand und auch nicht im eigenen Garten. Die DLRG betont ausdrücklich, dass Nichtschwimmer selbst mit Auftriebshilfen in Armreichweite beaufsichtigt werden sollten und dass Schwimmflügel, Schwimmtiere oder Luftmatratzen keine Sicherheit bieten und nicht vor dem Ertrinken schützen. Das gilt auch für Situationen, die harmlos wirken: Ertrinken ist bereits in sehr geringen Wassertiefen möglich, sogar in der Badewanne oder im Planschbecken.
Schwimmen lernen und regelmäßig üben
Hinzu kommt: Schwimmen zu können bedeutet noch nicht automatisch, wirklich sicher im Wasser zu sein. Die DLRG weist darauf hin, dass das Seepferdchen nur ein Zwischenschritt ist. Als sicherer Schwimmer gilt erst, wer das Deutsche Schwimmabzeichen in Bronze erworben hat. Deshalb ist es so wichtig, Schwimmfähigkeit nicht nur früh zu erlernen, sondern auch regelmäßig zu üben und zu festigen. Auch Kinder, die sich im Wasser wohlfühlen, können sich überschätzen, erschöpfen oder in Panik geraten.
Dr. Detemple rät außerdem dazu, die klassischen Baderegeln wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. Dazu gehört, nicht übermüdet, krank oder überhitzt ins Wasser zu gehen, sich vor dem Baden abzukühlen und nur dort zu schwimmen, wo es erlaubt und übersichtlich ist.
Wichtig: Wissen, was im Ernstfall zu tun ist
Wenn es trotz aller Vorsicht zu einem Unfall kommt, darf keine Zeit verloren gehen. „Jede Sekunde ohne Sauerstoff ist schädlich für das Gehirn“, betont Dr. Detemple. Umso wichtiger ist es, dass Eltern, Angehörige und Betreuungspersonen wissen, was im Ernstfall zu tun ist. Erste Hilfe und Wiederbelebung zu lernen, kann den entscheidenden Unterschied machen. Dass die Minuten bis zum Eintreffen professioneller Hilfe oft zu lang sind, um einfach nur abzuwarten, zeigen die Empfehlungen zur Kinderreanimation sehr deutlich. Das Klinikum Saarbrücken bietet immer wieder Kurse zum Einüben der Laienreanimation an - dieses Wissen kann im Ernstfall den Unterschied machen. Die nächsten Kurse gibt es im September 2026 im Rahmen der "Woche der Wiederbelebung".
Die wichtigste Botschaft bleibt deshalb einfach und eindringlich: Aufmerksamkeit, verlässliche Aufsicht, regelmäßiges Schwimmtraining und Kenntnisse in Erster Hilfe retten Leben. Oder, wie Dr. Detemple es zusammenfasst: „Ertrinkungsunfälle sind oft vermeidbar.“



