Krankhaft erweiterte Venen im Magen hatten bei Edith Karg bereits eine lebensbedrohliche Blutung ausgelöst. Als erneut Hinweise auf eine Blutung auftraten, entschieden sich Spezialisten im Klinikum Saarbrücken für einen außergewöhnlich komplexen Eingriff. Das Ziel: die Ursache der Blutungen behandeln und das Risiko einer Wiederholung nachhaltig reduzieren.
Reisepläne statt Krankenbett: Während Edith Karg in Zimmer 174 der Station 16 des Klinikums Saarbrücken auf ihren Entlassbrief wartet, spricht die 82-Jährige viel lieber über die Loire als über ihre Erkrankung. Die Bischmisheimerin ist bunt gekleidet, wirkt fidel, lebensfroh und voller Tatendrang. „In zwei Wochen brechen mein Mann und ich auf zur Flusskreuzfahrt“, sagt sie und lächelt.
Dass Edith Karg an diesem Morgen überhaupt wieder Reisepläne schmieden kann, ist für die behandelnden Ärzte auf dem Winterberg ein Erfolg auf höchstem medizinischem Niveau. Nur wenige Tage zuvor hatte sie einen hochkomplexen Eingriff überstanden, den Spezialisten der Inneren Medizin und der Radiologie im Klinikum Saarbrücken gemeinsam durchgeführt hatten. Die 82-Jährige litt unter krankhaft erweiterten Venen im Magen, sogenannten Varizen, die infolge einer seltenen Grunderkrankung und eines erhöhten Drucks im Pfortadersystem (ein venöser Blutkreislauf, der Blut aus dem Magen-Darm-Trakt und der Milz über die Leber in den großen Blutkreislauf leitet) entstanden waren und jederzeit lebensbedrohliche Blutungen auslösen konnten. Um dieses Risiko dauerhaft zu senken, legten die Ärzte zunächst eine künstliche Verbindung zwischen Pfortader und Lebervene (TIPS), um anschließend aufwändig die gefährlichen Varizen mit modernsten kathetergestützten Verfahren gezielt zu verschließen.
Siebenstündiger gemeinsamer Eingriff zweier Chefärzte
„Es war extrem anspruchsvoll“, berichtet Prof. Dr. Elmar Spüntrup, Chefarzt des Instituts für Radiologie, nach dem fast siebenstündigen gemeinsamen Eingriff mit Dr. Klaus Radecke, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie & interventionelle Endoskopie, sowie vielen weiteren helfenden Händen aus dem Funktionsdienst und dem Pflegepersonal, „da war von uns beiden sehr viel Erfahrung und viel Einfallsreichtum gefragt.“ Dr. Radecke wird noch deutlicher: „Bei solch komplexen Ausgangslagen wie bei Frau Karg gibt es oft wenig bis keine Behandlungsoption. Das, was wir hier gemeinsam umsetzen konnten, war High-Level-Medizin.“
Edith Karg weiß, dass der Eingriff ein Risiko war – gleichzeitig ist sie dankbar, dass man auf dem Winterberg bereit war, das Risiko einzugehen: „Man darf sich von seinen Krankheiten nicht verrückt machen lassen“, sagt sie. „Wir haben immer gerne viel erlebt, sind gereist und unterwegs gewesen. Warum sollte sich das jetzt ändern?“
Kurzer Blick zurück
Dabei hat die 82-Jährige gesundheitlich bereits einige Tiefen hinter sich. Die Ursache ihrer Beschwerden ist eine seltene Erkrankung, die zu einem erhöhten Druck in den Gefäßen rund um die Leber geführt hatte. In der Folge hatten sich große Krampfadern im Magen gebildet (Varizen). Lange waren sie lediglich ein Zufallsbefund. „Man hat mir aber damals gesagt, dass sie jederzeit bluten können“, erinnert sich Edith Karg.
Aus theoretischer Gefahr wurde dramatische Realität
Was zunächst wie eine theoretische Gefahr klang, wurde 2023 dramatische Realität. Während einer Kreuzfahrt im östlichen Mittelmeer kam es tatsächlich zu einer Blutung. Vom Schiff ging es über Athen zurück nach Deutschland und anschließend auf den Winterberg. „Für mich war klar, dass ich hier behandelt werden möchte, weil man mich hier als Patientin kannte. Damals hat man mir gesagt: Sie haben großes Glück gehabt.“ Die Gefahr war für den Moment gebannt, doch die Ärzte warnten vor einer Wiederholung.
Diese kam vor einigen Wochen, im Juli 2026. Schnell war klar, dass eine dauerhafte Lösung gefunden werden musste. Die Empfehlung der Ärzte: ein kombinierter Eingriff, bei dem mehrere hochspezialisierte Fachgebiete Hand in Hand arbeiten.
„Natürlich habe ich mich gefragt, ob man so etwas mit 82 Jahren noch machen sollte“, sagt die Bischmisheimerin offen. Sie habe vieles hinterfragt und genau verstehen wollen, was auf sie zukommt. Am Ende überwog jedoch das Vertrauen. „Ich bin froh, dass ich das Risiko eingegangen bin. Und ich bin froh, dass die Ärzte auf dem Winterberg es gemeinsam mit mir eingegangen sind.“
TIPS-Verfahren schafft neuen Weg für Blutfluss
Genau dieses Zusammenspiel verschiedener Disziplinen war ein entscheidender Erfolgsfaktor. Den ersten Teil des Eingriffs übernahm Dr. Radecke und sein Team aus der Inneren Medizin. Mit dem TIPS schufen die Spezialisten eine neue Verbindung zwischen Pfortader und Lebervene, um den krankhaft erhöhten Druck im Gefäßsystem zu senken und das Blut auf einen neuen Weg zu leiten. Dieses Verfahren gehört zu den besonders anspruchsvollen interventionellen Behandlungen und wird nur an spezialisierten Zentren durchgeführt.
Im Anschluss übernahm Prof. Spüntrup: Mithilfe feinster Kathetertechnik spürte er die Gefäße auf, über die Blut in die gefährlichen Magenvarizen gelangte, und verschloss diese gezielt. Besonders schwierig war dabei die bestehende ausgeprägte Vergrößerung der Milz. Sie nahm im Bauchraum so viel Platz ein, dass zusätzlich ein komplexes Netz von Umgehungskreisläufen entstanden war. „Wir mussten zunächst genau herausfinden, auf welchen Wegen das Blut fließt und welche Gefäße wir sicher ausschalten können“, erläutert Spüntrup. Über Stunden arbeiteten beide Teams eng zusammen.
Verschiedene Spezialisten bündeln ihre gemeinsame Erfahrung
„Das war eine echte Herausforderung“, sagt der Radiologe und Neuroradiologe. „Viele Dinge mussten ineinandergreifen. Solche Fälle zeigen, was möglich ist, wenn verschiedene Spezialisten ihre Erfahrung bündeln.“ Der Aufwand hat sich gelohnt. Die gefährlichen Varizen konnten erfolgreich gebannt und das Risiko weiterer schwerer Blutungen deutlich reduziert werden.
Besonders ein Moment ist Edith Karg im Gedächtnis geblieben: „Man hat den Ärzten hinterher angesehen, wie sehr sie sich selbst gefreut haben, dass der Eingriff erfolgreich war.“ Dann lächelt sie: „Und ein bisschen stolz waren sie, glaube ich, auch.“
Für sie selbst zählt nun vor allem der Blick nach vorn. Die Loire wartet bereits. Und danach vermutlich die nächste Reise. Denn wer Edith Karg zuhört, merkt schnell, dass sie sich ihre Neugier auf die Welt nicht nehmen lassen will. „Wir waren in den vergangenen zwanzig Jahren fast überall unterwegs“, sagt sie, „wenn es gesundheitlich etwas schwieriger wurde, haben wir es eben langsamer angehen lassen. Aber aufgehört haben wir deshalb nie.“





