Als David Saar die Diagnose Hodenkrebs erhält, entscheidet er sich gegen den Rückzug. Statt seine Krankheit für sich zu behalten, macht er sie öffentlich. Seit Wochen dokumentiert der Saarbrücker seinen Weg durch Operation, Chemotherapie, Hoffnung und Rückschläge für alle sichtbar auf Facebook. Mehr als zwei Millionen Menschen hat sein Krebstagebuch bereits erreicht. Für Saar ist das mehr als Selbsttherapie: Er will verstehen, was mit ihm passiert. Und er will andere Männer dazu ermutigen, auf Warnsignale ihres Körpers zu achten.
Zunächst brach für ihn eine Welt zusammen. Wenige Tage nach der Untersuchung wird der rechte Hoden entfernt. Kurz darauf folgt die nächste belastende Nachricht: Der Tumor hat bereits in die Lymphknoten entlang der Bauchaorta gestreut. Wochen später wird David über diese Zeit schreiben: „Das hier ist der härteste und brutalste Ritt meines gesamten Lebens.“
"Ich muss das alles für mich klären und verstehen"
Viele Menschen würden versuchen, eine solche Diagnose möglichst weit von sich wegzuschieben. Der 55-Jährige aus Saarbrücken geht einen anderen Weg. Er liest Fachartikel, beschäftigt sich mit Befunden und Therapieplänen, recherchiert medizinische Zusammenhänge und dokumentiert seinen Weg öffentlich. „Ich muss das alles für mich klären und verstehen“, sagt er.
Seit Ende Mai führt David auf Facebook ein öffentliches Chemo-Tagebuch. Mehr als zwei Millionen Menschen haben seine Beiträge inzwischen erreicht, viele kommentieren täglich und sprechen ihm Mut zu. Er verschont sie nicht mit der Realität seiner Behandlung, aber teilt auch die Gedanken, die ihn begleiten. Wer seine Beiträge liest, merkt schnell: Hier schreibt niemand, der seine Krankheit einfach nur erträgt. David versucht zu verstehen, was mit ihm geschieht. Sein Tagebuch ist deshalb weit mehr als ein persönlicher Erfahrungsbericht. Es dokumentiert den Versuch, einer existenziellen Krise und Angst Wissen entgegenzusetzen. Auch die Saarbrücker Zeitung war schon vor einigen Wochen auf den Saarbrücker aufmerksam geworden und hat berichtet (29. Juli 2026, Bezahlschranke).
Medizinische Zusammenhänge einordnen
Dass Patienten heute mitunter sehr gut informiert in die Behandlung gehen, erlebt auch Nadir Tag Elsir, Leitender Oberarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie auf dem Winterberg. Er hat David Saar Anfang Juni operiert. Viele Patienten kämen bereits mit umfangreichen Vorkenntnissen in die Sprechstunde. Das Internet ermögliche einen schnellen Zugang zu Informationen: „Umso wichtiger ist es, medizinische Zusammenhänge richtig einzuordnen und den Patienten professionell durch die Erkrankung zu begleiten.“
Früh erkannt ist die Erkrankung gut therapierbar
Eine Botschaft liegt dem Urologen besonders am Herzen: Hodenkrebs verursacht oft lange Zeit keine Schmerzen. Genau das macht die Erkrankung tückisch. „Viele Patienten haben keine Schmerzen“, sagt Tag Elsir und empfiehlt: „Jeder kann und sollte sich selbst untersuchen.“ Verhärtungen, Schwellungen oder Größenveränderungen sollten ernst genommen und ärztlich abgeklärt werden. Nur so könne die Erkrankung möglichst früh erkannt werden, denn wenn sie rechtzeitig entdeckt wird, ist sie in der Regel sehr gut therapierbar.
Aktives Leben pausiert erstmal
Rückblickend wünscht sich auch David Saar, sich früher mit diesem Thema beschäftigt zu haben. Regelmäßige Besuche beim Urologen hatte er keine. Dabei führte er bis zur Diagnose ein ausgesprochen aktives Leben. Fitnessstudio, Crosstraining, Tischfußball und regelmäßige Saunagänge gehörten für ihn dazu. Körperliche Beschwerden hatte er zunächst keine. Heute freut er sich über deutlich kleinere Erfolge. „Ich war superfit vorher, aber da komme ich nochmal hin, wenn diese Geschichte ausgestanden ist“, sagt er.
Leitlinien-gerechte Behandlung und erfahrene Hände
Die „Geschichte“, wie Saar seine Erkrankung nennt, ist medizinisch betrachtet ein so genanntes Seminom, die häufigste Form von Hodenkrebs. Trotz bereits vorhandener Metastasen sieht Nadir Tag Elsir gute Behandlungsmöglichkeiten: „Hodentumoren gehören insgesamt zu den am besten therapierbaren Krebserkrankungen. Patienten müssten jedoch konsequent nach den geltenden Leitlinien behandelt werden und sich in erfahrenen Händen befinden.“ Dass die Metastasen bei David Saar im Bereich der Bauchaorta gefunden wurden, entspricht dem typischen Ausbreitungsweg der Erkrankung. Aktuell wird Saar mit einer Chemotherapie nach dem etablierten PE-Schema behandelt.
"Ich will mein altes Leben zurück"
Die Therapie forderte ihn besonders zu Beginn körperlich immer wieder bis an seine Grenzen. In seinem Tagebuch berichtet er zu Beginn des ersten Zyklus' von Fieber, Infektionen und stark abgesunkenen Abwehrwerten. „Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich will mein altes Leben zurück“, schrieb er Ende Juni. Wenige Wochen danach folgte der nächste Rückschlag. Saar musste erneut ins Krankenhaus. „Mein Leben stand wieder für einen Moment still.“
Und dennoch prägen nicht Resignation oder Verzweiflung seine Beiträge. Immer wieder schreibt Saar gegen die Krankheit an und versucht, auch anderen Betroffenen Mut zu machen. „Du bist stärker, als du glaubst, auch wenn es sich heute nicht so anfühlt“, notierte er zu Beginn seiner Therapie.
Vertrauen zwischen Patient und Arzt ist wichtig
Auch Oberarzt Tag Elsir erlebt immer wieder, welche Bedeutung das Vertrauen zwischen Patienten und behandelndem Team hat. „Es ist wichtig, dass der Patient uns vertraut. Das ist nicht selbstverständlich, wir gehen behutsam damit und begleiten den Patienten. Wenn wir merken, dass Patienten uns Vertrauen schenken, gibt uns das unheimlich viel Kraft zurück“, sagt der Urologe.
Für David Saar ist genau dieses Vertrauen zu einem wichtigen Anker geworden. Über die Ärzte und Pflegekräfte auf dem Winterberg sagt er: „Sie haben mir die Hoffnung gegeben, weiterzumachen.“ Auf dem Winterberg kennt er inzwischen alle aus dem siebten Stock, hat sich mit einigen Pflegekräften angefreundet und tauscht sich aus. Er braucht den Kontakt zu Menschen, das merkt man, wenn man mit ihm spricht – daraus schöpft er die Kraft, weiterzumachen und nicht aufzugeben.
Krebstagebuch soll anderen Mut machen
Mit seinem Krebstagebuch verfolgt er deshalb auch ein altruistisches Ziel, das weit über seine eigene Geschichte hinausgeht. Er möchte anderen Menschen Mut machen, Krebs nicht zu verschweigen, Symptome ernst zu nehmen und rechtzeitig Hilfe zu suchen. Seine Offenheit, die inzwischen mehrere Hunderttausende Menschen bewegt hat, soll zeigen, dass eine Krebsdiagnose weder das Ende von Hoffnung noch von Lebensmut bedeuten muss.
Zuversicht trotz Rückschlägen
Trotz aller Rückschläge überwiegt für ihn die Zuversicht. „Der Masterplan steht, mein Herz ist stark, meine Familie steht hinter mir.“ Und am Ende fasst wohl kein Satz seine Haltung besser zusammen als dieser: „Ich stehe wieder aufrecht. Für mein Leben. Krebs ist kein Tabu. Ich bin noch da. Schritt für Schritt zum Sieg.“
David durfte kürzlich nach dem zweiten Chemo-Zyklus nach Hause, muss aber kurzzeitig nochmal stationär bleiben, um diverse Werte zu überwachen. Wir wünschen ihm alles Gute, eine schnelle Genesung und sagen DANKE, dass wir seine Geschichte erzählen durften.







