"Hyperhidrose": Wenn jeder Händedruck Überwindung kostet

Pressemitteilung /

Zahl der Eingriffe auf dem Winterberg wegen "krankhaft schwitzender Hände" hat sich verdoppelt.

Nasse Schulhefte, Schwierigkeiten im Beruf und die ständige Sorge vor dem nächsten Händedruck: Alina Vullo und ihre Mutter Giuseppa Vullo-Johann leiden jeweils seit der Kindheit an stark schwitzenden Händen. Nachdem Salben und andere Behandlungen keine dauerhafte Besserung gebracht hatten, entschieden sich die beiden Saarbrückerinnen gemeinsam für einen Eingriff im Klinikum Saarbrücken. Die Nachfrage nach dieser Operation nimmt deutlich zu: 2026 hat die Thoraxchirurgie auf dem Winterberg bereits doppelt so viele Patientinnen und Patienten wegen „palmarer Hyperhidrose“ operiert wie im gesamten Jahr 2025.

Gewellte Schulblätter. Rutschige Gegenstände. Tierhaare, die an den Händen kleben. Und vor jedem Händedruck der Satz: „Entschuldigung, ich schwitze.“ Für Alina Vullo und ihre Mutter Giuseppa Vullo-Johann aus Saarbrücken gehörte all das viele Jahrzehnte zum Alltag. Beide leiden an „palmarer Hyperhidrose“. So heißt das krankhaft gesteigerte Schwitzen an den Händen. Es tritt unabhängig von Hitze oder körperlicher Anstrengung auf und kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Im Klinikum Saarbrücken wurden Mutter und Tochter nun gemeinsam behandelt. Bei beiden zeigte sich der gewünschte Effekt unmittelbar nach dem Eingriff: Ihre Hände waren trocken.

Zahl der Eingriffe bereits jetzt doppelt so hoch wie 2025

Die beiden Patientinnen stehen für eine Entwicklung, die die Thoraxchirurgie auf dem Winterberg aktuell beobachtet. Bis Mitte August 2026 wurden auf dem Winterberg bereits doppelt so viele Operationen mit dieser Diagnose durchgeführt wie im gesamten Vorjahr. Auch die Zahl der Anfragen und Kontaktaufnahmen ist deutlich gestiegen. „Wenn die Patientinnen und Patienten zu uns kommen, ist der Leidensdruck meist schon sehr hoch“, sagt Alexander Gamrekeli, Sektionsleiter Thoraxchirurgie im Zentrum für Thoraxmedizin. Viele Betroffene wissen nicht, dass eine operative Behandlung möglich ist.

Minimal-invasiver Eingriff über vier kleine Zugänge

Die Operation erfolgt minimal-invasiv. Auf jeder Körperseite setzen die Operateure unterhalb der Achsel zwei etwa fünf Millimeter kleine Zugänge. Über diese insgesamt vier Zugänge führen sie eine feine Kamera und spezielle Instrumente in den Brustkorb ein. In der Nähe der Wirbelsäule verläuft der „sympathische Grenzstrang“. Er ist Teil des autonomen Nervensystems und unter anderem an der Steuerung der Schweißproduktion beteiligt. Bei dem Eingriff wird die Weiterleitung der Nervensignale an einer genau festgelegten Stelle mit einem Clip unterbrochen. Ziel ist es, das übermäßige Schwitzen an den Händen zu reduzieren.

„Direkt nach der Operation war schon alles anders“

Bei Mutter und Tochter waren die Hände unmittelbar nach dem Eingriff trocken, beide begeistert und fasziniert davon, dass es „wirklich funktioniert“: „Direkt nach der Operation war alles anders. Kein Schwitzen mehr“, berichtet Alina Vullo. Ihre Mutter erinnert sich mit einem Augenzwinkern an die Verabschiedung vor der Entlassung: „Da hat ja sogar der Operateur mehr geschwitzt als wir.“

Belastender Alltag: Wenn schwitzende Hände den Beruf beeinträchtigen

Rückblick: Alina Vullo litt schon als Kind unter den feuchten Händen. Besonders in der Schule waren die Auswirkungen sichtbar. „Alle Blätter, die ich angefasst habe, waren gewellt, alles war immer nass“, erinnert sich die 28-Jährige. Heute arbeitet sie als Tierarzthelferin. Dort erschwerte das starke Schwitzen den Umgang mit den Tieren. „Wenn man mit nassen Händen Tierfell anfasst, ist das unangenehm, für Mensch und Tier. Besonders Katzen mögen das gar nicht und reagieren teilweise aggressiv darauf.“

Ihre Mutter kennt viele dieser Situationen aus eigener Erfahrung. Giuseppa Vullo-Johann leidet seit ihrer Jugend unter stark schwitzenden Händen. Die 55-Jährige arbeitet als pharmazeutisch-technische Assistentin in einer Apotheke. Dort sind sichere und präzise Handgriffe wichtig. Die ständig feuchten und rutschigen Hände erschwerten ihr unter anderem das Anfertigen und Mischen von Arzneimitteln.

Über Jahre verschiedene Behandlungen versucht

„Ich habe alles ausprobiert, was es gibt“, berichtet Giuseppa Vullo-Johann. Salben und weitere Behandlungen brachten keine ausreichende und dauerhafte Besserung. In den vergangenen 20 Jahren ließ sie ihre Hände regelmäßig mit Botulinumtoxin behandeln. Die Injektionen empfand sie als sehr schmerzhaft. Zudem hielt die Wirkung jeweils nur für einen begrenzten Zeitraum an.

Das dauerhafte Schwitzen griff bei Mutter und Tochter auch die Haut an. Ihre Hände waren häufig gereizt und mussten regelmäßig eingecremt werden. Dadurch entstand für beide ein belastender Kreislauf aus Feuchtigkeit, gereizter Haut und ständiger Hautpflege.

Nicht nur ein kosmetisches Problem

Solche Erfahrungen begegnen Alexander Gamrekeli häufig. Der Thoraxchirurg hat Patientinnen und Patienten mit sehr unterschiedlichen Einschränkungen behandelt: Kinder wollten ihrer Mutter wegen der feuchten Hände nicht mehr die Hand geben. Busfahrer konntem das Lenkrad nur schwer sicher greifen. Tätowierer schwitzten so stark in den Handschuhen, dass sie ihre Arbeit nicht mehr wie gewohnt ausüben konnten.

Die Beispiele zeigen: Hyperhidrose ist nicht nur ein kosmetisches Problem. Die Erkrankung kann soziale Kontakte, die Hautgesundheit und die Berufsausübung erheblich beeinträchtigen.

Mutter und Tochter entschieden sich gemeinsam für den Eingriff

Über eine Internetrecherche waren Mutter und Tochter auf die Möglichkeit einer Operation gestoßen und fanden schnell das Klinikum Saarbrücken als Ansprechpartner: Per E-Mail nahmen sie Kontakt zur Thoraxchirurgie auf. Von Anfang an wollten sie diesen Weg gemeinsam gehen. „Wir haben gesagt: Wir wollen das zusammen machen“, erzählt Giuseppa Vullo-Johann.

Eine Operation kommt infrage, wenn nicht operative Behandlungen keine ausreichende Wirkung erzielt haben und die Hyperhidrose die Lebensqualität deutlich einschränkt. Ob das Verfahren geeignet ist, wird für jede Patientin und jeden Patienten individuell geprüft. Zum Beratungsgespräch gehört auch eine umfassende Aufklärung über das Verfahren, mögliche Behandlungsalternativen und Risiken.

Endlich den Hund streicheln ohne Haare an den Händen

Jetzt freuen sich beide auf einen Alltag, in dem sie nicht mehr ständig an ihre Hände denken müssen. Für Alina Vullo gehört dazu ein ganz einfacher Moment: „Ich freue mich schon darauf, unseren Hund zu streicheln und keine Haare mehr an den Händen kleben zu haben.“ Nach vielen Jahren mit feuchten Händen bedeutet die erfolgreiche OP für beide vor allem eines: neue Lebensqualität.

Expertise auf dem Winterberg

Im Januar 2026 hatte bereits der Tagesspiegel über das Thema berichtet und hierzu den Thoraxchirurgen Alexander Gamrekeli vom Klinikum Saarbrücken angefragt. Der Text ist am 23. Januar 2026 erschienen, hier geht es zum Tagesspiegel (Bezahlschranke). 

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Das Foto zeigt Thoraxchirurg Alexander Gamrekeli, wie er über Kreuz zwei Patientinnen, die rechts und links von ihm stehen, die Hände gibt. Er hat beide operiert, weil sie übermäßig an den Händen geschwitzt haben. Die Zeiten sind jetzt vorbei.
Thoraxchirurg Alexander Gamrekeli freut sich, dass er Mutter und Tochter helfen konnte. Auf dem Winterberg hat sich die Zahl der entsprechenden Eingriffe im Vergleich zum Vorjahr enorm gesteigert.

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