61-Jähriger überlebt Herzinfarkt - "Saarretter" war nach 53 Sekunden da

Pressemitteilung /

Die App ist seit Jahresbeginn im Einsatz. Der Patient erholt sich jetzt auf dem Winterberg.

Alexander Schreider aus Saarbrücken-Klarenthal hat dank des Einsatzes eines „Saarretters“ einen Herzkreislaufstillstand überlebt. Es ist nach aktuellem Kenntnisstand der erste Fall, bei dem die im Januar eingeführte App nachweislich dabei geholfen hat, ein Leben zu retten. Durch die effektive Zusammenarbeit von Ersthelfern, Rettungskräften sowie den ärztlichen und pflegerischen Fachkräften des Team Winterberg konnte dem 61-Jährigen optimal geholfen werden. Er befindet sich kurze Zeit nach dem Notfall auf dem Weg der Besserung. Die Saarbrücker Zeitung hat den Fall aufgegriffen und darüber am 15. März 2024 (online) und in der Printausgabe vom 16. März 2024 berichtet.

„Wir sind jetzt eine ganz große Familie“, strahlt Alexander Schreider (Foto: Mitte) und schaut in die Gesichter um ihn herum. Neben ihm stehen die Menschen, die im entscheidenden Moment das Richtige getan und ihm damit das Leben gerettet haben. Die große Familie, das sind (Foto, v.l.n.r.): seine Frau Ljudmila, Timm Mathis stellvertretend für das Team des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF), Schreiders Nachbar Mathias Kasper, der ihn als „Saarretter“ reanimiert hat, Shahin Khoshkish, Oberarzt der Klinik für Innere Medizin II auf dem Winterberg, Notärztin Dr. Clara Braun sowie Dr. Axel Böcking, Oberarzt in der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin auf dem Winterberg.

"Der Saarretter hat Ihnen das Leben gerettet"

Diese Menschen haben gemeinsam eine perfekt funktionierende Rettungskette in Gang gesetzt, durchgehalten und damit dafür gesorgt, dass Schreider weiterleben kann. „Sie haben großes Glück gehabt“, sagt ZRF-Geschäftsführer Mathis: „Der Saarretter hat Ihnen das Leben gerettet, das können wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen. Vor zwei Wochen waren Sie noch reanimationspflichtig und jetzt stehen Sie auf zwei Beinen vor uns. Ihre Geschichte berührt uns alle sehr. Das System Saarretter hat hier unter Beweis gestellt, wofür sich die Investition, die Arbeit und das Engagement aller Beteiligten gelohnt hat.“

Am 25. Februar hat Alexander Schreider zuhause im Bad einen Herzinfarkt, im Arztbrief ist später von „präklinischem Herzkreislaufstillstand“ und einem „kardiogenen Schock“ die Rede. Seine Frau hört den Knall, als er zu Boden fällt und sich nicht mehr rührt. Sie wählt sofort den Notruf 112. In der Leitstelle des ZRF geht der Anruf um 21.13 Uhr ein, um 21.15 Uhr werden ein Rettungswagen und der Notarzt losgeschickt.

Gemütlich auf der Couch zum Fußballschauen - dann geht der Alarm los

Um 21.16 Uhr aktiviert der Mitarbeiter am Telefon in der Leitstelle die erst im Januar eingeführte Saarretter-App. Drei registrierte Ersthelfer befinden sich in der Nähe und werden informiert. Nachbar Mathias Kasper, Mitarbeiter des Malteser Hilfsdienstes, ist um 21.17 Uhr vor Ort, keine Minute nach dem Alarm, und beginnt mit der Herzdruckmassage. „Ich wollte gerade Fußball schauen und saß auf der Couch. Als der Alarm losging, habe ich die Schuhe angezogen und bin sofort los.“ Zwei weitere Saarretter, unter anderem Dominic Huff, ein Mitarbeiter der DRK-Rettungswache Völklingen, treffen kurz darauf ein, zu dritt kümmert man sich um den Mann in Not. Um 21.25 Uhr trifft der Rettungsdienst ein.

Im Arztbrief steht später: Nach insgesamt 25 Minuten Reanimation und viermaliger Defibrillation konnte ein „ROSC“ erreicht werden – der „Return of Spontaneous Circulation“, wie das Wiedereinsetzen des Kreislaufs nach einem Herzstillstand genannt wird. Schreiders Herz schlägt wieder, das zugrundeliegende Kammerflimmern wurde behoben. Intubiert und beatmet bringt Notärztin Dr. Braun ihn mit ihrem Rettungsteam in den Schockraum der Zentralen Notaufnahme im Klinikum Saarbrücken auf den Winterberg, wo Dr. Böcking als Intensivmediziner die weitere Versorgung während der Diagnostik übernimmt.

Untersuchung zeigt: Gefäßverschluss war Ursache für Herzinfarkt

Die sofort folgende Koronarangiographie (eine Art Röntgen, das die Herzkranzgefäße sichtbar macht) zeigt einen Gefäßverschluss, den Oberarzt Khoshkish zu beheben versucht. Weil der Gefäßverschluss von Alexander Schreider schon weit fortgeschritten ist und seit längerer Zeit besteht, gelingt es erstmal nicht, das verschlossene Gefäß wiederzueröffnen. Nach mehreren Tagen auf der Intensivstation unter Einsatz eines Organersatzverfahrens stabilisiert sich sein Zustand sehr rasch. Die Experten des Cardiac Arrest Center auf dem Winterberg entscheiden sich gemeinsam mit dem wachen Patienten unter Berücksichtigung diverser Vorerkrankungen für die Implantation eines subkutanen Defibrillators unter der Haut, um Schreider vor einem erneuten Kammerflimmern zu schützen.

"Mir wurde ein zweites Leben geschenkt"

Alle diese Maßnahmen im Krankenhaus hätten nicht eingeleitet werden können, wäre zuvor nicht mit der Reanimation begonnen worden. „Dieser Fall zeigt eindrücklich, wie eine gut funktionierende Rettungskette mit einem schnellen und richtigen Notruf, der Ersthelfer-Einbindung auch mit den Möglichkeiten moderner Technik, einem effektiven Rettungsdienst und einem nahtlosen, professionellen Übergang in klinische Strukturen tatsächlich Leben retten kann“, sagt Timm Mathis.

Fünf Tage liegt der Patient im Koma. Als er wach wird, glaubt er, er habe bloß einen Termin verschlafen. Dass er auf der Intensivstation im Klinikum Saarbrücken ist und viele Menschen seinetwegen in großer Sorge waren, ist ihm zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. „Ich sah meine Kinder, die haben mir alles erzählt und immer wieder gesagt, Papa, Gott sei Dank bist du wach“, erzählt Schreider. In den Tagen danach liest er verpasste Handy-Nachrichten, schaut auch in die Familien-WhatsApp-Gruppe: „Da hab‘ ich fast einen zweiten Herzinfarkt bekommen“, sagt Schreider, „mir wurde erst bewusst, wie schlimm das alles war.“ Am 13. April wird er 62, künftig kommt aber noch ein Geburtstag hinzu: „Mir wurde am 25. Februar ein zweites Leben geschenkt.“

Wichtig ist jetzt die Familie - und die Regeneration

Einige Zeit zur Regeneration wird der 61-Jährige noch brauchen, auch wenn durch das beherzte Handeln aller Beteiligten wenig Einschränkungen zurückgeblieben sind. „Je schneller ein Patient oder eine Patientin nach einem Herzkreislaufstillstand reanimiert wurde, desto effektiver können wir im Krankenhaus arbeiten und desto besser sind die Erfolgsaussichten“, bestätigt Kardiologe Koshkish. Dass noch nicht alles rund läuft, hat Schreider einige Tage nach dem Wachwerden bemerkt, als er mit Sudoku-Rätseln sein Gehirn trainieren wollte: „Irgendwann merkte ich, dass der Stift in meiner linken Hand war und ich nicht schreiben konnte – logisch, denn ich bin eigentlich Rechtshänder“, sagt er und kann darüber schon schmunzeln. Er übt fleißig weiter und hofft, dass er auch bald wieder arbeiten kann - seine Tätigkeit als Ladekranfahrer gefällt ihm.

Er ist all seinen Rettern unglaublich dankbar, dass ihm diese Bonus-Zeit mit der Familie geschenkt wurde, dass er das dreijährige Enkelkind weiter aufwachsen sehen und seine drei erwachsenen Kinder auf ihrem Lebensweg begleiten darf. „Ich bin sicher kein Heiliger“, sagt er, „auch bei uns gibt es wie in den meisten Familien auch mal Streit. Aber wenn wir uns brauchen, sind wir füreinander da, das ist doch klar. Wichtig ist mir jetzt meine Familie“. Und die ist jetzt noch um einiges größer geworden.

 

Was ist die Saarretter-App?

Das Ministerium für Inneres, Bauen und Sport sowie der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) starteten Anfang Januar das Projekt „Saarretter“. Über die App „Katretter“ werden bei einem Notfall über das Smartphone registrierte Ersthelfer in der Nähe alarmiert, die innerhalb weniger Minuten vor Ort sein und einen Minimalkreislauf aufrechterhalten können, bis Rettungswagen und Notarzt eintreffen. Im Saarland wird der Rettungsdienst jährlich zu 1200 Menschen mit Herzkreislaufstillstand alarmiert – das ist ein lebensbedrohlicher Notfall und es muss schnell gehen. Durchschnittlich dauert es zehn Minuten, bis der Rettungsdienst vor Ort ist. Die App „Saarretter“ soll helfen, diese Zeit zu überbrücken. Eine sofortige Herzdruckmassage verdoppelt die Überlebenschance.

Als „Saarretter“ registrieren können sich volljährige Personen, die über medizinische Qualifikationen verfügen, z. B. Ärzte, Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungsdienst-Mitarbeiter, Menschen mit einer Sanitätsausbildung in einer Hilfsorganisation, Krankenpfleger oder Medizinische Fachangestellte. „Eine kleine App mit einer enormen, großen Wirkung. Herzlichen Dank an alle hilfsbereiten Profis, die sich bereits seit Anfang des Jahres registriert haben und ihre fundierten Kenntnisse in den Maßnahmen der Herz-Lungen-Widerbelebung bei diesen zeitkritischen Situationen einbringen“, sagt ZRF-Geschäftsführer Mathis.

Aktuell sind 1550 Ersthelfer registriert

Aktuell sind 1623 Ersthelfer registriert. Vom 1. Januar bis zum 13. März 2024 wurden 108 Alarme an Saarretter gesendet. In 56 Fällen war jeweils mindestens ein Helfer in der Nähe. Weitere Infos: www.saarretter.de

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Die Menschen hinter der Rettungskette mit dem geretteten Patienten in der Mitte (v.l.n.r.): Timm Mathis, Geschäftsführer der ZRF, Ehefrau Ljudmila, Saarretter Mathias Kasper, Patient Alexander Schreider, Oberarzt Shahin Koshkish, Notärztin Dr. Clara Braun und Intensivmediziner Dr. Axel Böcking.
Eine bessere "Werbung" für die App gibt es nicht. Saarretter Mathias Kasper (links) mit seinem Nachbarn Alexander Schreider, dem er das Leben gerettet hat.
Aktuell sind 1.623 Ersthelfer registriert. Vom 1. Januar bis zum 13. März 2024 wurden 108 Alarme an Saarretter gesendet. In 56 Fällen war jeweils mindestens ein Helfer in der Nähe.