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Somatoforme Störungen -
" ich fühle mich krank und die Ärzte finden nichts"

Inhalt

1. Somatoforme Störungen - Störungen der Körperfunktionen

2. Mögliche Probleme eines Patienten mit somatoformer Störung

3. Ursachen somatoformer Störungen

4. Diagnostik und Therapie somatoformer Störungen

5. Literatur und Links im WWW

 

1. Somatoforme Störungen - Störungen der Körperfunktionen

Übelkeit, körperliche und geistige Erschöpfung, Muskelschmerzen, Bauch- und Rückenschmerzen, Schwindel......., all diesen Beschwerden kann natürlich eine körperliche Erkrankung zugrundeliegen. Etwa 20-30% aller Patienten von Haus- und Fachärzten leidet jedoch unter körperlichen Beschwerden, für die sich trotz des Einsatzes aller diagnostischer Verfahren der ' High-tech'-Medizin keine eindeutige Ursache im Sinne einer strukturellen ( z. B. entzündlichen oder bösartigen Erkrankung) finden läßt. Im deutschen Sprachraum wurden solche Krankheiten häufig als funktionelle Störungen oder funktionelle Syndrome bezeichnet, d.h. Krankheiten, bei denen nicht die einzelnen Organe defekt sind, sondern denen gestörte Funktionsabläufe zugrundeliegen. Der erfahrene Untersucher kann die erhöhte Spannung ertasten oder den gestörten Bewegungsablauf beobachten . Mit der Hilfe bildgebender Verfahren lassen sich gestörte Funktionsabläufe innere Organe oder Störungen der Verarbeitung von Körperreizen im Gehirn inzwischen darstellen. In den letzten Jahren hat sich die Bezeichnung 'somatoforme Störung' (Krankheiten, die wie eine Organerkrankung aussehen) eingebürgert. Für die einzelnen somatoformen Störungsbilder gibt es im jeweiligen medizinischen Fachgebiet, in dem sich die Patienten vorstellen, zahlreiche andere Krankheitsbegriffe.

- Somatoforme Störungen des Herzkreislaufsystems: Gefühl der Atemhemmung, Druckgefühl, Stiche, Beklemmungsgefühl in der Brust, Herzstolpern

- Somatoforme Störungen des Magen-Darmtraktes ( Reizmagen und Reizdarm): Übelkeit, Völlegefühl, Bauchschmerzen, Stuhlunregelmäßigkeiten

- Somatoforme Störungen in der Gynäkologie ( chronische Unterbauchschmerzen, Pelipathiesyndrom): Schmerzen im Unterbauch mit Ausstrahlung in Leisten und Kreuzbein

- Somatoforme Störungen in der Urologie ( Reizblase, Urethralsyndrom, Prostatadynie): Häufiges und/oder schmerzhaftes Wasserlassen, Gefühl erschwerter Miktion, Schmerzen im Unterbauch/Damm

- Somatoforme Schmerzstörung: Anhaltende Schmerzen ohne erklärenden körperlichen Befund: z. B. weist ein Teil der Patienten mit Rückenschmerzen keine krankhaften Veränderungen an der Wirbelsäule und der Muskulatur auf

Weiterhin werden aus psychosomatischer Sicht zu den somatoformen Störungen gezählt:

- Fibromyalgie: Anhaltende Muskelschmerzen in mindestens 3 Körperregionen

- Chronisches Erschöpfungssyndrom (Chronic fatigue Syndrom): rasche körperliche und/oder geistige Erschöpfbarkeit



2. Mögliche Probleme eines Patienten mit somatoformer Störung

- Er hat schon zahlreiche Untersuchungen ( oft mehrfach) wegen seiner Beschwerden  über sich ergehen lassen

- Er hat schon mehrere Medikamente, einschließlich Psychopharmaka, ohne Erfolg wegen seiner Beschwerden eingenommen

- Er befürchtet, daß eine körperliche Erkrankung übersehen worden ist

- Er fühlt sich als eingebildet krank ('Simulant oder Hypochonder')

- Er weiß nicht, wie er seiner Umgebung seine Beschwerden erklären soll

- Er fühlt sich von seinem Arzt unverstanden ('Sie haben nichts', ' Ich kann nichts mehr für sie tun')

- Er fühlt sich von seinem Arzt abgeschoben ( ' Gehen Sie mal zum Psychiater oder Psychotherapeuten')



3. Ursachen somatoformer Störungen

Neben genetischen Faktoren ( z.B. verstärkte Reaktionsbereitschaft des vegetativen Nervensystems) sind insbesondere psychosoziale Faktoren für die Entstehung und Verlauf somatoformer Störungen von Bedeutung. Im einzelnen:

- Streß: Wenn man längere Zeit einer zu hohen Belastung ausgesetzt ist ( z. B. Familie, Beruf) und sich selten Ruhepausen könnt, kann es zu Verspannungen der Muskulatur und Verkrampfungen und Fehlsteuerungen der inneren Organe kommen. Häufiger reagiert der Körper anders als das Bewußtsein. Viele Patienten nehmen den Zusammenhang zwischen Stress und körperlicher Reaktion nicht wahr, weil sie Gedanken haben wie ' das schaffen andere auch' oder ' da muß ich durch'.

- Teufelskreis körperliche Reaktionen-Angst-Aufmerksamkeit: Spontan oder im Rahmen von Stress auftretende körperliche Veränderungen ( z. B. beschleunigter Herzschlag) werden wahrgenommen, als gefährlich interpretiert ( z. B. Angst vor Herzinfarkt). Die Angst führt zu einer Ausschüttung von Streßhormonen, die wiederum eine Steigerung des Herzschlages bewirkt. Diese Veränderung führt zu dem Gedanken' Tatsächlich, es wird immer schlimmer', was wiederum die Ausschüttung der Streßhormone und innere Anspannung verstärkt. Der Kommentar des Arztes beim EKG-Schreiben ' wir müssen einen Herzinfarkt ausschließen', verstärkt die Angst weiter. Die Wahrnehmung körperlicher Symptome, ihre Interpretation als bedrohlich und die Bereitschaft, deswegen zum Arzt zu gehen, wird durch die Lebensgeschichte von Menschen bestimmt. Menschen sorgen sich eher um ihr Herz, wenn sie Angehörige hatten, die herzkrank waren und dann ( in ihrer Anwesenheit) gestorben sind.

- Körperliche Beschwerden als Folge seelischer Konflikte: (Unbewußte) seelische Prozesse ( z. B. Angst, Wut, Ärger) können sich in Körpersymptomen ausdrücken. Der Volksweisheit drückt diese Möglichkeit der Entstehung körperlicher Beschwerden durch Redewendungen seit langem aus : ' es geht mir an die Nieren', ' es ist zum aus der Haut fahren', ' es kotzt mich an'.



4. Diagnostik und Therapie somatoformer Störungen

- Sorgfältige simultane medizinische und psychotherapeutische Diagnostik. Eine genaue Erhebung der Krankheitsgeschichte und körperliche Untersuchung, zusammen mit orientierenden labor- und technischen Untersuchungen ( z. B. EKG, Ultraschall Herz oder Bauch) kann eine organische Erkrankung in den meisten Fällen mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließen. Eine umfangreiche technische Ausschlußdiagnostik ist zu Beginn der Beschwerdesymptomatik nicht notwendig. Die Diagnose einer somatoformen Störung wird, neben dem Ausschluß einer somatischen Erkrankung, anhand der typischen Symptommuster und ihrem Auftreten innerhalb von Stress und/oder seelischen Konflikten gestellt. Dazu ist ein ausführliches und vertrauensvolles Gespräch zwischen Patient und Arzt notwendig.

- Information über somatoforme Störungen und Wechselspiel körperlicher und seelischer Prozesse: Auch diese Informationsvermittlung kann nur in einem ausführlichen Gespräch erfolgen. Die Lektüre von Selbsthilfebüchern ( siehe 5.) kann zusätzlich zu einem besseren Verständnis der eigenen Reaktionen beitragen.

- Gesunde Lebensführung: Reduktion oder Verzicht auf ' Genußmittel' mit negativen Auswirkungen auf vegetatives Nervensystem ( Nikotin, Alkohol, Coffein), regelmäßiger und ausreichender Schlaf, gesunde Ernährung, körperliches Ausdauertraining

- Erlernen eines Entspannungsverfahrens : Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung nach Jacobson

- Physiotherapie/Körpertherapie: Krankengymnastik, Feldenkrais-Methode, Funktionelle Entspannung, Tanztherapie

- Psychotherapie: Bei anhaltenden, nicht selbst lösbaren Streßsituationen bzw. seelischen Konflikten ist eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll. Das bedeutet jedoch nicht, daß man sich für Jahre 2mal in der Woche ' auf die Couch' legen muß. Die Mehrzahl der in Deutschland durchgeführten Psychotherapien dauern 10-25 Sitzungen ( über 6-24 Monate). Beziehungsprobleme könne durch 3-5 paar- oder familientherapeutische Sitzungen gelöst werden. Zur Streß,- Angst,- oder Schmerzbewältigung wurden verhaltenstherapeutische Programme von 10-15 Stunden Dauer entwickelt. Auch zur Behandlung innerseelischer Konflikte gibt es tiefenpsychologisch orientierte Verfahren mit 25 Stunden Therapiedauer. 

5. Empfohlene Literatur und Links im WWW

- Lieb H, v. pein A.: Der kranke Gesunde. Psychosomatik für Betroffene. Verstehen und Heilen psychosomatischer Erkrankungen. Trias Verlag, Stuttgart  ISBN 3-89373-099-0

- Loew T.: Wenn die Seele den Körper leiden läßt. Trias Verlag Stuttgart. ISBN 3-89373-418-X

6. Eigene Publikationen

Häuser W. Systemische Familienmedizin - Kooperation von Patienten, Angehörigen und medizinischen Behandlern bei somatischer Fixierung. Psychotherapie im Dialog 9 (2008) 231-237

Zusammengestellt von PD Dr. med. Winfried Häuser, Facharzt für Innere Medizin, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin - Spezielle Schmerztherapie-. Leitender Arzt des Funktionsbereiches Psychosomatik der Medizinischen Klinik I des Klinikums Saarbrücken


Letzte Überarbeitung: 01.07.2010

(PD Dr.med. Winfried Häuser)


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