Infozentrale
Navigator
Kommunikation
Wir über uns

 
Startseite
Kliniknews
Termine
Klinik-Navigator
Kommunikation
Wir über uns
Baby-Galerie
Jugendakademie
- Impressum

Stichwortsuche
Fibromyalgiesyndrom
Untergruppen, Schweregrade und Therapie

Fibromyalgiesyndrom

Übersicht
1. Vorbemerkung: Fakten und Konsens statt individuelle Glaubensbekenntnisse
2. Gibt es das Fibromyalgiesyndrom?
3. Symptome des FMS
4. Diagnose des FMS
5. Ursachen des FMS
6. Untergruppen und Schweregrade des FMS
7. Wirksamkeitsgesicherte Behandlungsmethoden
8. Schwerbehinderung und Berentung
9. Weitere Informationen im Internet
10. Auswahl unserer Publikationen zum Fibromyalgiesyndrom
 
-----------------------------------------------------------------------
1. Vorbemerkung: Fakten und Konsens statt individuelle Glaubensbekenntnisse
Es gibt kaum ein Beschwerdebild, zu dem es in der Medizin sowie zwischen Betroffenen und Behandlern (Ärzten, Psychologen, Krankengymnasten) so viele Diskussionen (über die Existenz, Ursachen, Diagnose und Therapie) gibt wie beim Fibromyalgiesyndrom (FMS).
Die Äußerungen bei diesen Kontroversen sind häufig durch die Scheuklappen von Fachgebietes bzw. Interessenslagen bedingt, als durch wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse. Daher bin ich froh, dass ich als Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Schmerztherapie DIVS, einem Dachverband medizinisch -psychologischer Fachgesellaschaften in Deutschland, die Entwicklung einer Leitlinie zur Diagnose und Therapie des FMS koordinieren konnte, an der alle mit dem Beschwerdebild
befassten Fachgesellschaften (Allgemeinenmedizin, Neurologie, Orthopädie, Psychiatrie, Psychosomatik, Rheumatologie und Schmerztherapie), der Zentralverband für Krankengymnastik
und Physiotherapie als auch Patientenvertreter (Deutsche Rheuma-Liga, Deutsche Fibromyalgie Vereinigung) beteiligt waren. Die in Kooperation der genannten Gesellschaften entwickelten
Empfehlungen zur Klassifikation, Ursachen, Diagnose und Therapie des FMS gründen auf eine systematische Recherche der zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Literatur und einem strukturierten Konsensusprozess beruht. Die Vorstände aller beteiligten Gesellschaften haben dieser Leitlinie zugestimmt. Diese Leitlinie hat den höchsten methodischen Enwicklungsgrad (sog. S3-Leitlinie), den Leitlinien in Deutschland erreichen können (S3).In Deutschalnd gibt es zur Zeit 53 S3-Leitlinien.
Auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft der medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften Deutschlands AWMF sind eine Lang- und Kurzversion der Leitlinie für Mediziner
und Psychologen www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/041-004.htm
und eine Laienversion http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/041-004p.htm einsehbar. Meine folgenden Ausführungen beziehen sich auf diese Leitlinie.
-----------------------------------------------------------------------
2. Gibt es das Fibromyalgiesyndrom?
Die international anerkannte Definition des FMS stammt vom Amerikanischen Kollegiums für Rheumatologie. Die Klassifikationskriterien wurden entwickelt, um sogenannte
weichteil-rheumatische Beschwerden von entzündlichem Rheuma und degenerativ bedingten Beschwerden abzugrenzen. Ein FMS liegt vor, wenn a. eine Person > 3 Monate in mehreren Körperregionen
- Wirbelsäule (Nacken oder Brustkorb oder Kreuz) und
- rechte und linke Körperhälfte und
- oberhalb und unterhalb der Taille
b. bei Druck mit dem Daumen  auf 18 Tenderpoints (Druckpunkte am Übergang von Muskeln zu Sehnen)bei mindestens 11 dieser Punkte vom Untersuchten Schmerzen angegeben werden.
In der Krankenheitenliste der Weltgesundheitsorganisation WHO ist die Fibromyalgie mit dem Code M 79.00 aufgeführt. In der aktuellen deutschen Version der Krankheitenliste (ICD 10 German Modification 2008) hat die Fibromyalgie einen eigenen Kode unter den Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und Bindegewebe: M 79.7.
Manche Ärzte, z. B. manche Orthopäden und ärztliche Gutachter der medizinischen Dienste von Rentenversicherungsträgern und Landesämtern weigern sich, die Diagnose eines FMS anzuerkennen. Manche Psychiater und Psychosomatiker behaupten, dass das FMS eine Variante einer Depression bzw. einer somatoformen Störung ist. Die orthopädischen, psychosomatischen und psychiatrischen Fachgesellschaften haben sich an der Leitlinie beteiligt und die
Vorstände haben der Leitlinie zugestimmt. Wenn also ein Orthopäde, Psychiater oder Psychosomatiker behauptet, dass es das FMS nicht gibt', so äußert er seine persönliche Meinung, die im Widerspruch zu dem seiner Fachgesellschaft und der Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation steht.
Die Probleme mit der Klassifikation des FMS haben verschiedene Ursachen:
a. Das FMS ist keine abgrenzbare wie ein Herzinfarkt. Die Hauptsymptome des FMS (Schmerzen in mehreren Körperergionen, Müdigkeit, Schlafstörungen) finden sich in geringerer Ausprägung auch teilweise bei Gesunden oder Menschen mit anderen Krankheitsbildern. Die Intensität der Symptome ist bei FMS-Patienten jedoch deutlich höher. Die Festlegung eines Schwellenwertes von Beschwerden, der überschritten werden muss, damit ein FMS vorliegt, ist relativ willkürlich festgelegt. Eine relativ willkürliche Festlegung von Grenzwerten, die Gesunde und 'Kranke' trennen, findet sich jedoch in vielen Bereichen der Medizin, z. B, beim Bludruck oder bei den Blutfetten.
b. Das FMS ist nicht durch spezifische technische Untersuchungen wie Laborwerte oder Röntgenuntersuchungen nachweisbar. Die beim FMS nachweisbaren Veränderungen des Hirnstoffwechsels bei Schmerz- und Stressvearbeitung sind nur mit aufwendigen und teueren
Verfahren nachweisbar, welche in der Grundlagenforschung, nicht jedoch im klinischen Alltag eingesetzt werden. Das FMS kann mit großer Sicherheit an Hand der Beschwerden des Patienten
und dem Ausschluss einiger Krankheiten, welche zu ähnlichen Symptomen führen können, gestellt werden (siehe Punkt 4). Aufwendige und teuere Untersuchungsmethoden sind zur
Diagnosestellung nicht notwendig. Da das Beschwerdebild durch Symptome und nicht durch für das Beschwerdebild charakteristische krankhafte Organveränderungen und Laborwerte
definiert ist, ist es angemessener, von 'Fibromyalgiesyndrom' als von 'Fibromyalgie' zu sprechen. Der Begriff 'Fibromyalgie' suggeriert zu Unrecht ein abgrenzbares Krankheitsbild.
c. Das Beschwerdebild von Patienten mit FMS ist häufig vielfältig (siehe Punkt 3). Um das Beschwerdebild vollständig in Diagnosen 'abzubilden', sind oft mehrere Diagnosen notwendig. So erfüllen 20-80% von FMS-Patienten die Kriterien einer Depression und
20-40% die Kriterien einer somatoformen Störung. Diese Häufung seelischer Störungen beim FMS ist ein Grund, waum Psychosoamtiker und Psychiater behaupten, dass das FMS eine Variante
einer seelischen Störung ist. Jedoch auch bei abgrenzbaren Erkrankungen wie dem Herzinfarkt gibt es eine Häufung anderer Erkrankung wie Diabetes mellitus oder Bluthochdruck.Trotzdem käme kein Internist auf die Idee zu behaupten, dass ein Herzinfarktpatient immer einen Diabetes mellitus oder Bluthochduck haben muss.
-----------------------------------------------------------------------
3. Symptome des FMS
Hauptsymptome des FMS sind chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen, d.h. im Rücken (Nacken, Brustkorb, Kreuz) sowie in den Armen und Beinen sowie chronische Müdigkeit (körperliche und geistige Erschöpfbarkeit) und Schlafstörungen. Die genannten Symptome müssen über einen Zeitraum von mindestens 3 Monaten vorliegen.Weitere häufige Begleitsymptome sind Morgensteifigkeit oder Schwellungsgefühle in den Händen , Füßen oder dem Gesicht. Viele Betroffene leiden unter weiteren körperlichen Beschwerden
seitens der inneren Organe (Reizmagen-, Reizdarm-, Reizblasensymptome), Kopfschmerzen und Trockenheit bzw. Überempfindlichkeit der Schleimhäute sowie seelischen Beschwerden
(z. B. Konzentrationsstörungen, vermehrte Ängstlichkeit oder Depressivität).
-----------------------------------------------------------------------
4. Diagnose des FMS
Die Diagnose wird an Hand der typischen Beschwerden gestellt. Eine vollständige körperliche Untersuchung sollte durchgeführt werden. Folgendes Basislabor sollen beim Verdacht auf ein FMS einmalig durchgeführt werden, um Hinweise auf mögliche andere Erkrankungen zu erhalten, welche zu den gleichen Symptomen führen kann:
a. Blutsenkungsgeschwindigkeit, C-reaktives Protein, kleines Blutbild (z. B. um eine Polymyalgia rheumatica oder rheumatoide Arthritis auszuschließen)
b. Kreatininkinase (z. B. Muskelerkrankungen )
c. Kalzium (z. B. krankhafte Erhöhung des Kalziums bei Stoffwechselerkrankungen)
d. TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon basal) (z. B. Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse)
e. Blutuntersuchungen auf entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (sogenannte Antikörper): Ohne klinische Hinweise sind diese Untersuchungen nicht sinnvoll.
f. In Abhängigkeit von der Anamnese und dem körperlichen Untersuchungsbefund können weitere Laboruntersuchungen sinnvoll sein.Bei typischem Beschwerdekomplex und fehlendem klinischen Hinweis auf internistische,orthopädische oder neurologische Erkrankungen (Anamnese und klinische Untersuchung ohne Hinweis auf andere Erkrankungen als Ursachen von Schmerzen und Müdigkeit, unauffälliges Basislabor), wird empfohlen, keine weitere technische Diagnostik (weiterführendes Labor, Neurophysiologie, Bildgebung) durchzuführen. 
-----------------------------------------------------------------------
5. Ursachen des FMS
Es gibt keine einzelne, nur für das FMS zutreffende Ursache des Beschwerdebildes. Forscher gehen davon aus, dass die Kombination einer Veranlagung mit verschiedenen biologischen, psychischen und sozialen Faktoren zum Auftreten und Weiterbestehen eines FMS führt. Das FMS tritt gehäuft in Familien auf. Inwieweit Vererbung und inwieweit psychologische Faktoren (z.B. Lernmechanismen) zu dieser familiären Häufung führen, ist zurzeit nicht bekannt. Folgende Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem FMS kommt: Vermehrte Depressivität sowie körperliche (z. B. einseitige Körperhaltungen) und seelische (z. B. Mobbing) Belastungen am Arbeitsplatz. Negative Gedanken und Gefühle, die Betroffene in Zusammenhang mit körperlichen Beschwerden haben, Verhaltensweisen (z. B. übertriebene körperliche Schonung) und die Reaktionen der Umwelt (z. B. mangelndes Verständnis für die
Beschwerden oder übertriebene Entlastung der Betroffenen) können einen negativen Einfluss auf den Verlauf der Beschwerden haben. Beim FMS ist die zentrale Schmerzverarbeitung gestört.
-----------------------------------------------------------------------
6. Untergruppen und Schweregrade des FMS
6.1.Untergruppen
Auch aufgrund des unterschiedlichen Ansprechens auf ein Medikament (Topisetron) wurde von verschiedenen Forschern vorgeschlagen, verschiedene Untergruppen der FMS zu definieren.
(Merke: Auch beim Asthma wird ein allergisches Asthma, ein 'intrinsic' Atshma und Mischformen unterschieden). Aufgrund der Bedeutung von seelischen Störungen und emotionalen Problemen habe ich folgende Unterteilung vorgeschlagen:
a. FMS ohne frühere oder aktuelle psychische Störungen
b. FMS mit Folgedepression
c. FMS vom Typ der somatoformen Schmerzstörung (Einsetzen der FMS-Symptomatik in Zusammenhang mit psychosozialen Konflikten
d. FMS vom Typ der somatisierten Depression (Vorgeschichte von Angststörungen oder Depressionen mit Übergang in eine FMS-Symptomatik
6.2. Schweregrade
Genauso wie in der Inneren Medizin verschiedene Schweregrade des Asthmas oder der Herzinsuffizienz unterteilt werden, habe ich zusammen mit nervenärztlichen Kollegen- in Analogie zur Schweregradeinteilung der rheumatoiden Arthritis bzw. psychovegetativen Störungen in den 'Anhaltspunkten für die ärztliche Guatchtertätigkeit' - eine Schweregradeinteilung des FMS vorgeschlagen
- Leichtgradiges FMS: Geringe Beeinträchtigungen im Alltag (Haushalt, Beruf, Freizeit,  Sexualität),kein Fortschreiten der Beschwerden und Aktivitätsstörungen im Laufe der Jahre, gute (30-50%) Beschwereduktion durch therapeutische Maßnahmen
- Mittelgradiges FMS: Mittelschwere Aktivitätsstörungen, allmähliches Fortschreiten der  Beschwerden und Aktivitätsstörungen im laufe der Jahre, partielles Ansprechen (10-30%)  auf Therapiemaßnahmen
- Schwergradiges FMS: Ausgeprägte Aktivitätstörungen, rasches Fortschreiten der Beschwerden  und Aktivitätsstörungen, kein Ansprechen auf Therapiemaßnahmen
Mittelschwere und schwere Verlaufsformen des FMS sind meist durch nicht ausreichend behandelte seelische Begleiterkrankungen bedingt.
-----------------------------------------------------------------------
7. Therapie
Es gibt derzeit keine Behandlungsmethode, die zur Heilung der FMS-Beschwerden führt. Von Untersuchungen des Langzeitverlaufes der FMS ist bekannt, dass die Beschwerden und Aktivitätssörungen bei den meisten Betroffenen anhalten und dass die meisten Betroffenen
im Laufe der Jahre lernen, mit ihren Beschwerden und Einschränkungen zurechtzukommen. Realistische Behandlungsziele können derzeit also nur bei einem Erhalt und idealerweise Verbesserung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit sowie in einer Beschwerdereduktion liegen. Die Behandlung sollte sich auf die Ergebnisse wissenschaftlicher
Studien sowie die Erfahrung von Betroffenen und Ärzten stützen.
Ein längerfristiger Nutzen ist für folgende Therapieverfahren  wissenschaftlich gesichert:
a  Regelmäßiges Ausdauertraining (z. B. Walking, Schwimmen, Aqua-Jogging).  Die notwendige Belastungsintensität ist niedriger als die von Gesunden bzw. als in der  Zeit vor Be-ginn der FMS-Symptomatik. 
b. Schmerzbewältigungstraining: Informationen über realistische Ziele der Behandlung  chronischer Schmerzen, das Erlernen von (Muskel-) entspannungstechniken, positivem  Denken, Genusstraining, Stressbewältigung und Aktivitätsmanagement sowie der Austausch
mit anderen Betroffenen im Rahmen des Gruppentrainings kann die Einstellung gegenüber dem Schmerz verändern und die Lebensqualität verbessern. Die erlernten Techniken sind nach Abschluss des Kurses eigenständig anzuwenden. Schmerzbewältigungstrainingsprogramme
für FMS-Patienten werden von uns ambulant angeboten (6 Termine zu 1,5 Stunden). Weitere Informationen www.klinikum-saarbruecken.de/np_show.phtml?nID=53
c. Regelmäßige Ganzkörperwärmetherapie, z. B. Thermalbad oder Biosauna. Eine Trocken-   und Wassergymnastik (sog. Funktionstraining) für FMS-Patienten wird in einigen Bundesländern von der Deutschen Rheuma-Liga und der Deutschen Fibromyalgie Vereinigung  angeboten und kann vom Vertragsarzt als Rehabilitationssport für 24 Monate verschrieben werden.
d. Ein langfristiger Nutzen einer medikamentösen Therapie (> 6 Monate) ist bisher nicht nachgewiesen. Im Falle einer medikamentösen Therapie ist immer zu überprüfen, ob das  Medikament die Beschwerden lindert und ob Nebenwirkungen auftreten. Überwiegt der
Nutzen eines Medikamentes die Nebenwirkungen, ist auch eine längerfristige medikamentöse Therapie sinnvoll.

Antidepressiva: Antidepressiva (AD) sind die am besten untersuchten Substanzen in der Therapie der FMS. Verschiedene Substanzklassen können unterschieden werden. Die Substanzklasse der trizyklischen AD (chemische Namen z. B. Amitryptilin) ist am besten untersucht.
Die Dosis zur Behandlung der FMS ist wesentlich niedriger (10-50 mg) als die Dosis, welche zur Behandlung von Depressionen (50-150 mg) notwendig ist. Bei den Substanzklassen der Serotoninwiederaufnahmehemmer SSRI (chemische Namen z. B. Fluoxetin, Paroxetin) und der dualen AD (z. B. Noradrenalin-Serotonin-Wiederaufnahmehemmer NASSA wie Duloxetin) wird
dieselbe Dosis wie zur Behandlung von Depressionen gegeben. Jeder 4. Patient profitiert von einer AD-Therapie im Sinne von Schmerzreduktion und Schlafverbesserung. Viele Patienten
tolerieren die Nebenwirkungen, insbesondere Müdigkeit und Benommenheit, schlecht.Die Wirkung von AD ist unabhängig davon, ob ein FMS-Betroffener depressiv ist oder nicht.
Opioide: Bisher liegen nur Studien vor, die einen positiven Effekt von Tramadol, einem schwachen Opioid, alleine oder in Kombination  mit Paracetamol nachweisen. Tramadol hat zusätzlich eine antidepressive Wirkung wie ein AD der NASSA-Klasse. Starke Opioide
(z. B. Morphin, Oxycodon, Hydromorphon) sind nicht in Studien überprüft und sollten nur in Ausnahmefällen rezeptiert werden. Schwache Opioide sind meiner Erfahrung dann begrenzt
wirksam, wenn zusätzlich Schmerzen aufgrund degenerativer Knochenveränderungen vorliegen. 
Nervenschmerzmittel (Pregabalin, Gabapentin) sind in ihrer Wirksamkeit den Antidepressiva vergleichbar.
Konventionelle Schmerzmittel: Nichtsteroidale Antirheumatika (chemische Namen . B. Ibuprofen,  Diclofenac), Muskelrelaxantien (chemische Namen z. B. Tolperison und Flupirtin), Metamizol
und Paracetamol: Obwohl beim FMS häufig eingesetzt, wurde ihre Wirkung bisher in keiner kontrollierten Studie bestätigt. All genannten Substanzen sind meiner Erfahrung bei 'Schmerzschüben' für 3-8 Tage befristet wirksam, vor allem, wenn degenerative Veränderungen
 bzw. lokale Wirbelsäulensyndrome mit Muskelverspannungen zusätzlich vorliegen. Eine Dauertherapie ist nicht sinnvoll.
Psychotherapie: Nicht alle FMS-Patienten brauchen eine Psychotherapie. Die Rate von seelischen Störungen (Depressionen, Angststörungen und posttraumatischer Belastungsstörung) ist
jedoch bei FMS-Patienten deutlich höher als bei Gesunden oder Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Zur Behandlung von Depressionen und Panikstörungen, welche zusätzlich zum FMS vorliegen können, gibt es spezielle Behandlungstechniken der kognitiven Verhaltenstherapie und tiefenpsychologischen Therapie. Diese störungsspezifische Psychotherapie kann mit der Gabe von Antidepressiva und angstlösenden Medikamenten kombiniert werden. Die erfolgreiche Behandlung einer psychischen Begleitstörung kann sich
auch positiv auf die FMS (Schmerzreduktion, bessere Motivation zur eigenständigen Behandlung) auswirken.
Alternative Verfahren:Ernährungsumstellung (Fleischreduktion bzw. - verzicht, vollwertige Kost), Homöopathie und Lymphdrainage können im Einzelfall nützlich sein.
-----------------------------------------------------------------------
8. Schwerbehinderung- und Berentung
Als Vergleichsmaßstab kommen bei einem Fibromyalgiesyndrom wie auch bei anderen Krankheitsbildern (z. B. chronisches Müdigkeitssyndrom, Multiple chemical sensivity) mit vegetativen Symptomen, gestörter Schmerzverarbeitung, Leistungseinbußen und Körperfunktionsstörungen, denen kein oder kein primär organischer Befund zu grundeliegt, am ehesten die in Ziffer 26.3, S. 60 AHP unter 'Neuologischen Persönlichkeitsstörungen' genannten psychovegetativen oder psychischen Störungen mit Einschränkungen der Erlebnis- und Gestaltungsfähigkeit und evtl. sozialen Anpassungsschwierigkeiten in Betracht (Niederschrift über die Tagung der Sektion 'Versorgungsmedizin' des ärztlichen Sachverständigenbeirates bei BMA vom 25. bis 26.11.1998).  Hiernach ist für leichtere psychovegetative oder psychische Störungen ein Bewertungsrahmen von 0 - 20 vorgesehen. Ein GdB von 30-40 ist erst bei stärker behindernden Störungen mit wesentlicher Einschränkung der Erlebnis- und Gestaltungsfähigkeit (z. B. ausgeprägtere, depressive, hypochondrische, asthenische, oder phobische Entwicklungen mit Krankheitswert, somatoforme Störungen) gegeben. Ein GdB von 50 kann erst bei schweren Störungen (z. B. schwere Zwangskrankheit) mit mittelgradigen sozialen Anpassungsschwierigkeiten in Ansatz gebracht werden (vgl. AHP S. 60f).L 6 SB 46/98 LSG NW - Urteil vom 28. November 2000 und L 6 SB 137/01 LSG NW - Urteil vom 12. März 2002

Bezüglich des Leistungsvermögens besteht weitgehende Einigkeit zwischen den Gutachtern, dass beim FMS keine schweren und mittelschweren körperlichen Arbeiten bzw. leichte körperliche Arbeiten in Zwangshaltungen bzw. Nässe- und Kälte möglich sind. Bei leichten Formen des FMS und bei vielen Formen des mittelschweren FMS ist ein vollschichtiges (> 6h) Leistungsvermögen für leichte körperliche und leichte bis mittelschwere geistige Arbeiten
erhalten. Es ergibt sich häufig die Situation, dass die/der Be-troffene nicht mehr in seinem zuletzt ausgeübten Beruf, z. B. als Friseuse, Fleischereifachverkäuferin oder Raumpflegerin tätig sein kann, dass aber eine vollschichtige Tätigkeit unter den oben genannten Einschränkungen möglich ist. Ob eine solche Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt verfügbar ist, hat der Gutachter nicht in seine Entscheidung miteinzubeziehen. D.h. der Gutachter kommt zur Einschätzung, dass die zuletzt ausgeübte berufliche Tätigkeit nicht mehr
vollschichtig verrichtbar ist, dass aber die oben genannten Tätigkeiten zumutbar sind. Zum Verständnis dieser häufig als ungerecht empfundenen Beurteilung durch den Gutachter und
das Gericht ist ein Verständnis einiger rechtlicher Grundlagen der Begutachtungstätigkeit zu Fragen der Berufs- und Erwerbsunfähigkeit in der Rentenversicherung der Arbeiter und Angestellten sowie der Alterssicherung der Landwirte von Bedeutung, insbesondere die seit
dem 01.01.2001 geltenden Regelungen:
a. Eine Berufsunfähigkeitsrente kann neu nur noch bekommen, wer vor dem 02.01.1961 geboren ist. Die Berufsunfähigkeitsrente beläuft sich auf ½ wie bei teilweiser Erwerbsminderung (vorher 2/3-Rente)
b. Für nach dem 02.01.1961 Geborene gibt es nur noch den Begriff der Erwerbsminderung. Es gibt keine Berufsunfähigkeit mehr. Eine teilweise Erwerbsminderung ist definiert als berufliche Einsetzbarkeit zwischen 3 und weniger als sechs Stunden pro Tag (Anspruch auf
halbe Rente). Die Rente wird immer nur auf 3 Jahre befristet ausgesprochen.
c. Die Frage nach einem fachlich geprägten Berufsbild und der Verweisbarkeit/Zumutbarkeit ist nur noch  für diejenigen maßgeblich, die vor 1961 geboren sind oder bei denen es um Fortsetzung einer BU-Rente geht.                                                                       

d. Bezüglich der Zumutbarkeit von Tätigkeiten gibt es Entscheidungen des Bundessozialgerichtes. Als zumutbar werden alle Tätigkeiten angesehen, die nicht mit einem wesentlichen sozialen Abstieg verbunden sind. Dazu hat das Bundessozialgereicht ein Stufenschema entwickelt, das das gesamte Spektrum möglicher Tätigkeiten in Berufsgruppen (vom ungelernten Arbeiter, angelernten Arbeiter unteren Ranges bis Facharbeiter mit Vorgesetztenfunktion) entwickelt hat. Als unwesentlich und zumutbar wird ein beruflicher Abstieg um eine Stufe innerhalb dieses Schemas angesehen. Maßgeblich für die Bestimmung des Ausgangsberufes in dem Stufenschema ist die zuletzt ausgeübte versicherungspflichtige Tätigkeit.
Zusammengefasst lässt sich aufgrund meiner Erfahrungen in der Begutachtung von über 200 FMS-Betroffenen im Sozialgerichtsverfahren sagen, dass eine Schwerbehinderung bzw.
ein eingeschränktes Leistungsvermögen seitens der Sozialgerichte nur dann anerkannt wird, wenn der Gutachter den Standards der Begutachtung schmerz- und psychotherapeutischer
Fachgesellschaften folgt, die von dem Patienten vorgebrachten Aktivtätseinschränkungen aufgrund der Vorbefunde und dem Begutachtungsbefund plausibel sind und eine nicht ausreichende Besserbarkeit der Beschwerden und Einschränkungen durch die Berichte von Vorbehandlern belegt sind.Eine interdisziplinäre Leitlinie, wie eine Begutachtung bei chronischen Schmerzen erfolgen soll, findet sich ebenfalls im Internet www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/030-102.htm
 ----------------------------------------------------------------------
9. Weitere Informationen im Internet 
www.fibromyalgie-aktuell.de. Sehr gute Seite mit Links und Foren zum Erfahrungsaustausch, medizinischen Themen und sozialrechtlichen Fragen
www.rheuma-liga.de.  Hier gibt es eine sehr informative Informationsbroschüre zum FMS, die als PDF-Datei heruntergeladen werden kann.
www.fibromyalgie-fms.de. Die Seite der Deutschen Fibromyalgie Vereinigung e.V. Enthält u.a. aktuelle Informationen zu Therapiemöglichkeiten
http://www.fibronet.org/ Patienteninformationen zur Diagnostik und Therapie des Fibromyal-giesyndroms der Universität Heidelberg
www.fibromyalgie.de. Die Webseite von Dr. med. Thomas Weiss (Mannheim)
http://www.rheumasaar.de/home.htm. Die Webseite von Dr. med. Werner Biewer (Saarbrü-cken), Arzt für Innere Medizin -Rheumatologie

http://www.aquajogging-atlas.de/ Zusammenstellung von Anbietern von Aquajogging Kursen im Saarland

http://www.walkingonline.de/nwtreffs.htm  Zusammenstellung von Nordic Walking Treffs bundesweit
-----------------------------------------------------------------------
10. Auswahl unserer Publikationen zum Fibromyalgiesyndrom


Häuser W, Sonntag B, Egle UT. Fachpsychotherapeutische Begutachtung von Schmerzkrankheiten.Der Schmerz 16 (2002) 294-303
Häuser W. Vorschläge für eine Schweregradeinteilung des Fibromyalgiesyndroms. Der Medizinische Sachverständige 98 (2002) 207-212
Häuser W, Hutschenreuter U, Vaterrodt T. Fibromyalgiesyndrom. Fundierte Begutachtung aus schmerztherapeutischer Sicht. Neurotransmitter 14 (2003) 56-62
Biewer W, Conrad I, Häuser . Fibromyalgiesyndrom. Der Schmerz 18 (2004)118-124
Häuser W. Fibromyalgiesyndrom - Subtypen und Schweregrade. Der Medizinische Sachverständige  100 (2004) 11-16
Häuser W, Bernardy K, Arnold B. Das Fibromyalgiesyndrom - eine somatoforme Schmerzstörung?Schmerz 20 (2006) 128-139
Häuser W. Fibromyalgiesyndrom. Eine rheumatische Erkrankung oder eine seelische Störung? Editorial. Der Schmerz 21 (2007) 413-414
Schiltenwolf M, Eich W, Schmale-Grete R, Häuser W. Ziele der Leitlinie zur Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms. Schmerz 22(2008) 241-243
Üceyler N, Häuser W, Sommer C. A systematic review of the effectivenessy of antidepressants in the treatment of fibromyalgia syndrome. Arthr Rheum 59 (2008) 1279-1298

Häuser W, Arnold B, Eich W, Felde E, Flügge C, Hennigsen P, Herrmann M, Köllner V, Nutzinger D, Offenbächer M, Offenbächer M, Schiltenwolf M, Sommer C, Thieme K, Thieme K, Kopp I. Management of fibromyalgia syndrome- an interdisciplinary evidence-based guideline. GMS Ger Med Sci. 2008;6:Doc14.

Häuser W, Bernardy K, Üceyler N, Sommer C. Treatment of fibromyalgia syndrome with antidepressants - a meta-analysis. JAMA 301 (2009) 198-209
----------------------------------------------------------------------

Letzte Aktualisierung 24.11.2009

(Dr.med.W. Häuser)


Druckoptimierte Ansicht
zurück zur Meldungsübersicht

Klinikum Saarbrücken, Winterberg 1, 66119 Saarbrücken, Telefon 0681 / 963 – 0

info(at)klinikum-saarbruecken.de